Leipziger Spaziergänger
Es war der 9. Oktober 1989. In Leipzig und in anderen großen Städten der DDR hatten sich Menschen zu Abendspaziergängen zusammengefunden, um für grenzenloses Spazierengehen zu demonstrieren. Es sollte der Anfang des Endes eines Projektes sein, der Altherrenclub um Honecker und Mielke scheiterte beim Versuch, einen Arbeiter- und Bauernstaat zum Sozialismus und die Welt zum Kommunismus zu bringen. Und es begann eine Zeit in der grenzenlose Geldzirkulation und blühende Landschaften über 108.100km² deutschen Boden fegen sollten. Doch was heißt das für einen kleinen Knirps, der erst neun Monate zuvor in Zschopau, Produktionsort der Legendären MZ geboren wurde. Eine neue Jugend sollte zu reichen Zonenkindern werden und doch das Andenken an den Staat in dem Sie geboren worden, doch nie wirklich erlebten als Ostalgie ehren.
Langsam verabschiedeten sich Trabbi, FDJ und Oberliga, dafür nahmen die Kombinate Siemens, McDonalds und Henkel Spee langsam die volkseigene Arbeitskraft der ostdeutschen Bevölkerung in ihre Marktstellung auf. Doch noch wurden die Kleinen noch getopft, das heißt für Sie waren noch Kinderkrippenplätze vorhanden, während Ursula von der Leinen noch in die Politik gehen musste, um Geld für ihr Kindermädchen zu verdienen. Am ersten Mai stand an der Dresdener Friedhofsmauer nicht mehr „Heraus zum ersten Mai“ und die Friedensfahrt verlor an Bedeutung und hatte mit de gleichen Kapitalistischen Schwierigkeiten zu kämpfen wie der ostdeutsche Fußball, der sich innerhalb eines Jahrzehntes in die Niederungen der regionalen Ligen zurückzog.
„Dreck, wo du hinguckst. In der Kabine steht keiner auf, hört keiner zu. Kein Anstand. Alles Ossis.“ Mit diesem Satz sorgte Rolf Schafstall für deutsch-deutsche Verständigung und im September 1990 wurde in Moskau festgestellt, dass 4+2 Eins ergibt. Am Rathaus in Berlin gab es ein klassisches Konzert unter Kapellmeister Helmut Kohl und die Bevölkerung in Sachse sorgte dafür, dass die Diktatur der SED durch die der CDU abgelöst wurde und Kurt Biedenkopf wurde neuer Staatsratsvorsitzender. Aus der SED als Marxistisch-Leninistische Partei wurde die PDS und die Politik der Bonner Ultras sorgte für den Umzug nach Berlin.
Große Berliner Altstoffsammlung
Aus den kleinen Knirpsen wurden etwas größere Knirpse und die ersten Lieben hießen Dynamo Dresden, Lokomotive Leipzig und Chemnitzer FC. Da diese Beziehungen weniger auf sexuellen Kontakt absahen, blieb viel Kreativität für Fangesänge und das Studium des Fußball-Abc. Angela Merkel praktizierte die Wiedervereinigung im Kohlkabinett und in den besetzten Gebieten stieg die Arbeitslosigkeit in gleicher Geschwindigkeit wie das Selbstwertgefühl sank. Immer stärker vertraten erste Ossis, dass die Einheit erst dann vollzogen ist, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gelöscht würde. Die Genossen kannten hingegen schon den Unterschied zwischen den Russen und dem Westen, die Russen sind wir los geworden.
Meine Wenigkeit lebte hingegen in völliger Ruhe in einem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze, im schönen Wolkenstein. Doch die Bildungsoffensive sorgte für Reichtum meiner Eltern, welche sich beide am Beruf des Kinderquälens übten, denn sie gingen der Tätigkeit des Lehrers nach. Und so wurde ich ausgegraben und umgepflanzt, ohne dass meine Wurzeln in dem neuen Wohnort so richtig greifbar wurden. Wo war diese neue Heimat.
Ein von Nazis besetzter Ort, unweit des schönen Wolkensteins. Ein vielleicht schönes Dorf, in dem Vorurteile und Rechtsradikalismus regieren. Großrückerswalde schimpft sich der Ort, der auch schöne Seiten hat, zumindest nachts, wenn alle Lichter aus sind. Und der kleine Junge suchte Freunde und fand zumindest falsche. Aber man soll nicht alles negativ sehen, aus der Isolation entstand zumindest ein sehr eigenes Weltbild, ein Kämpfer, das gepaart mit einem sächsischen Dickschädel zu einer gefährlichen Mischung werden könnte, der sich schnell durch die Schule in Freiheit kämpfte, das Gymnasium im nahen Marienberg.
Während es auch schöne Orte im Lande der Schachtscheißer gibt, gehört die „Metropole“ zwischen Chemnitz und Chomutov definitiv nicht dazu. Aber nach 8 Jahren, war aus dem Jungen ein kleiner Mann geworden, der sich im Leben beweisen wollte, Sportverrückt und doch unerfolgreich. Die Karriere beim Verein war bereits nach 2 Spielen und ebenso vielen roten Karten gelaufen. Eine zweite Karriere im Tor ging an schlechten Leistungen ebenfalls schnell zu Ende. Aber Reflexe hatte ich, nur nicht das Auge, so war manch Ball im Tor, den ich vorher Betrachtet neben dem Tor gesehen hatte.
Nach meinem Abi wollte ich nun im Sport arbeiten und was blieb da anderes als Fußball? Nichts und schon war ich auf einem Trainerlehrgang. Fußball in Theorie und Praxis, Methodik, Pädagogik, Psychologie, Sportmedizin, Orthopädie und Rhetorik. Insgesamt war das Programm eher fad, meine Erwartungen waren anders an das Trainerdasein. Aber nun war Februar und das hieß, dass ich mich erst mal an meinem Lieblingsort auf der Welt begab. Dem zweimaligen Etappenziel des Giro d‘Italia, einem der Skigebiete, die gern als Rentnergletscher beschrieben werden, einfach der Kronplatz. Skifahren war für mich mehr als Entspannung, es war Leidenschaft und Passion in meinem Leben…
Meine große Liebe?



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen